Liebesdrama mit gutem Ende

KONZERT Musik von Robert Schumann zu Gedichtzyklus von Adalbert von Chamisso

BÜRSTADT – Der Gedichtzyklus „Frauenliebe und -leben“ ist von Adalbert von Chamisso aus dem Jahr 1830. Er wurde vom Dichter einem unverheirateten Freund gewidmet und erzählt von den Stationen eines Frauenlebens von der ersten Verliebtheit bis zum Tod des Ehemanns. Ein nicht gerade erbauliches Thema und auch in seinem Rollenverständnis nicht mehr so ganz zeitgemäß. Sicher wäre dieser Zyklus heute vergessen, hätte nicht zehn Jahre nach dessen Erscheinen Robert Schumann einen Liederzyklus komponiert, der genau diese Gedichte zum Inhalt hat. Diese bezaubernde Musik wurde am vergangenen Samstagnachmittag im Rahmen der Konzertreihe „Große Musik in kleiner Kirche“ in der Evangelischen Kirche in Bürstadt aufgeführt.

Dialog zwischen Gesang und Klavier

Ralph Vierheller schlüpfte dabei in die Rolle des Dichters, freilich nicht des historischen, sondern in die eines zeitgenössischen Krimiautors, der hofft, auf diese Weise den Stoff für einen neuen Roman zu finden, und verband so erzählerisch die einzelnen Stationen, die als musikalischer Dialog zwischen der Mezzosopranistin Almuth von Wolffersdorff und der Pianistin Ann-Claire Lies gestaltet wurde. Die beiden Musikerinnen haben sich im Rahmen ihrer gemeinsamen Chorarbeit in Bensheim kennengelernt und treten seit etwa einem Jahr mit einem eigenen Programm auf.

Bei der Auswahl der einzelnen Stücke hielten sich die beiden Musikerinnen nicht starr an die historische Vorgabe, sondern mischten zum Thema passende Kompositionen aus unterschiedlichen Zeiten ein. Gleich zu Anfang wurde „A Little Bit of Love“ von Leonard Bernstein eingeflochten, das einen ersten Kontrapunkt zu der ernsten, tragischen Liebeslyrik Chamissos setzte. Ebenso aufhellend wirkte die allseits bekannte Melodie „Küss mich, halt mich, lieb mich“ von K. Svoboda, die aus der tschechischen Märchenverfilmung „Aschenbrödel und die drei goldenen Nüsse“ stammt, die jedes Jahr zu Weihnachten von fast allen Fernsehsendern ausgestrahlt wird.

Das tragische Lied „Die Nacht“ von Richard Strauss schloss den ersten Teil der Darbietung ab, der von den Schmetterlingen im Bauch hin zur Erkenntnis der Vergänglichkeit aller Glücksgefühle führte. Dabei wechselten unterschiedliche Bühnenbilder, die minimalistisch durch das Ablegen unterschiedlicher, symbolträchtiger Gegenstände auf einen Stuhl im Chor der kleinen Kirche gestaltet wurden.

Konzertbesucher bestreitet das Finale

In der Spanne der Gefühlswelten, die zwischen den einzelnen Polen der Entwicklung liegen, entfaltete sich die Qualität des Gesangs. Über unterschiedliche Stimmlagen hinweg modellierte Almuth von Wolffersdorff die Tonfolgen sehr farbig und gefühlvoll. Der große Schlussapplaus der gut besuchten Veranstaltung zeigte, wie intensiv die zahlreichen Zuhörer diesen Gesang genossen haben, in dessen anfängliche Leichtigkeit immer stärker die dunklen Tonfolgen eindrangen, eben der Tod und das Ende, wie es für die Dichtungen der Romantik nicht untypisch ist.

„Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ von Schubert, intensiv von Ann-Claire Lies auf dem Piano mitgefühlt, ließ den Zuhörer erahnen, wie bedeutungslos die Erinnerung wird, angesichts der dunklen Wolken, die jetzt aufziehen.

„Ora pro Nobis“, ein Choral von Wolfgang Amadeus Mozart, setzte hier den scheinbar endgültigen Abschluss, der allerdings so nicht stehen bleiben darf. Dieser Meinung war jedenfalls ein Zuschauer, der sich spontan aus dem Publikum meldete und dem ambitionierten Krimiautor auf der improvisierten Bühne widersprach. Verkaufsfördernd sei ein solcher Schluss nicht, meinte er. Ein Happy End müsse her, zu dem er dann auch selbst gerne beitrug, denn der so engagierte Zuhörer entpuppte sich als der gesangsstarke Bariton Wolfgang Gsell, der sich sogleich vom Platz erhob und mit der trauernden Witwe gesanglich ein neues Spiel beginnt. „La ci darem la Mano“ aus Mozarts „Don Giovanni“ versöhnte die Erwartungen der Konzertbesucher auf einen positiven Ausgang und ließ das Konzert dann doch viel positiver ausklingen als vom historischen Autor und vom Komponisten eigentlich vorgesehen.

Text:  Helmut Orpel

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